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Predigt zum fünften internationalen
Gebetstag in Amsterdam
Samstag, den 7. Juni 2003
Thema: Die Frau aller Völker und das Jahr
des Rosenkranzes
S.E. Paul Maria Hnilica SJ
Titularbischof aus Rom
Lesung: Gen 11, 1-9 / Röm 8, 22-27
Evangelium: Joh 7,37-39
Liebe Mitbrüder
im Bischofsamt, liebe Priester, liebe Pilger aus aller Welt,
welche Gnade ist es doch, heute hier in Amsterdam erneut
um das Gnadenbild der Frau aller Völker in diesem internationalen Rahmen
versammelt zu sein. Aus allen Kontinenten sind wir angereist, um wie die Apostel
im Abendmahlssaal vereint mit Maria das Kommen des Heiligen Geistes auf die
ganze Kirche und Welt herabzuflehen. „Herr Jesus Christus, Sohn des Vaters,
sende jetzt Deinen Geist über die Erde, lass den Heiligen Geist wohnen
in den Herzen aller Völker!“
Vor zwei Wochen sagte der Hl. Vater beim Angelus: „Die
mütterliche Gegenwart Mariens im Abendmahlssaal erinnerte die Apostel an
Christus: ihre Augen hatten den gleichen Ausdruck wie das Antlitz des Heilands,
ihr makelloses Herz bewahrte die Geheimnisse von der Verkündigung ... bis
hin zu seinem Leiden und Tod. In diesem Sinn kann man sagen, dass im Abendmahlssaal
das Rosenkranzgebet geboren wurde. Denn hier haben die ersten Christen begonnen,
mit Maria das Antlitz Christi zu betrachten, indem sie sich die verschiedenen
Momente seiner irdischen Geschichte in Erinnerung riefen.“
Vor den Pilgern aller anwesenden Nationen möchten
wir heute S. E. Josef Maria Punt, dem Bischof von Haarlem Amsterdam, für
seinen Mut danken, mit dem er für die Sache der Frau aller Völker
eintritt. Am 31. Mai vergangenen Jahres gab er offiziell seiner Überzeugung
Ausdruck, dass die Erscheinungen von Amsterdam übernatürlichen Ursprungs
sind.
Seit dem 1. Internationalen Gebetstag habe ich immer die Botschaften der Miterlöserin
im Zusammenhang mit den Botschaften von Fatima betrachtet. Gerade das Thema
des diesjährigen Gebetstages, die „Frau aller Völker und das
Jahr des Rosenkranzes“ kann die Botschaften von Fatima nicht unbeachtet
lassen. Denn bei jeder ihrer Erscheinungen in Fatima ruft die Gottesmutter zum
täglichen Rosenkranzgebet auf: „Betet täglich den Rosenkranz,
um den Frieden für die Welt und das Ende des Krieges zu erlangen.“
Deshalb kam sie unter dem Titel der Rosenkranzkönigin, um uns ganz neu
die Macht dieses Gebetes bewusst zu machen.
Wenn wir die heutige Situation in Kirche und Welt mit
offenen Augen betrachten, wird jedem klar, welchen Gefahren wir ausgesetzt sind.
Satan fordert heute sein Recht und ist so stark wie nie zuvor in der Geschichte
der Menschheit. Doch Gott hat schon gleich nach dem Sündenfall den Sieg
der Frau und Ihrer Nachkommen über Satan verheißen. Dabei ist das
Rosenkranzgebet eine entscheidende Waffe in diesem geistigen Kampf. Auch in
Amsterdam spricht Maria gleich bei der ersten Erscheinung am 25. März 1945
über die Macht des Rosenkranzes: „Dem ist es zu verdanken, aber durchhalten!“
Durchhalten, ja das ist nicht immer leicht! Um uns
zu ermutigen, wollte Papst Johannes Paul II. sein 25. Pontifikatsjahr unter
das Zeichen des Rosenkranzes stellen. Er selbst ist uns ein leuchtendes Vorbild
eines rosenkranzbetenden Menschen. „Wie viele Gnaden habe ich ... von
der Heiligen Jungfrau durch das Rosenkranzgebet empfangen!“, bezeugt er
in seinem apostolischen Schreiben. Maria ist jenes große Vorbild der Betrachtung,
von dem wir am besten lernen können, unseren Blick fest auf den göttlichen
Sohn ausgerichtet zu haben. Diesen marianischen Blick voll Glaube und Liebe,
bekommen wir, wenn wir den Rosenkranz beten, verspricht der Hl. Vater.
Der Rosenkranz führt uns in die Geheimnisse der
Erlösung. An der Hand der Mutter lernen wir, unser Leben nach dem Evangelium
auszurichten, und uns wie sie für das Heil der Seelen einzusetzen.
Das erste, was die Rosenkranzkönigin am 13. Mai
1917 die Kinder in Fatima fragte, war: „Wollt ihr euch Gott anbieten,
um alle Leiden zu ertragen, die Er euch schicken wird, zur Sühne für
alle Sünden und für die Bekehrung der Sünder?“ Diese Frage
führt uns direkt in das Geheimnis der Miterlösung, des stellvertretenden
Leidens und Betens. Ohne dieses Geheimnis theologisch zu durchdringen, haben
die Seherkinder die flehentliche Bitte des Himmels beantwortet. Trotz ihrer
Kindheit wurden sie solche „Meister“ auf dem Gebiet der Miterlösung,
dass Francesco und Jacinta als leuchtende Heilige ihr kurzes Leben auf dieser
Erde vollendet haben. Bei der Seligsprechung am 31. Mai 2000 verglich Papst
Johannes Paul II. die kleine Jacinta mit dem großen Völkerapostel
Paulus. Der Hl. Vater sagte: „Zu Recht könnte Jacinta mit Paulus
ausrufen: „Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage.
Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen
Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt!“ (1 Kol 1,24f)
Keine Gelegenheit wollte sich Jacinta, dieses Hirtenmädchen von Fatima,
entgehen lassen, um für den Hl. Vater zu beten und zu opfern, den sie so
viel hat leiden sehen. Papst Johannes Paul II. weiß: auch diesen Kindern
verdankt er sein Leben nach dem Attentat.
Ich selbst durfte das Geheimnis der Miterlösung
als junger Seminarist tiefer erfassen. Ich stamme aus der Slowakei. Sie wissen,
dass in den Ländern des Ostens 70 Jahre lang eine schwere Christenverfolgung
herrschte. Als das atheistisch-kommunistische Regime, das in Fatima prophezeit
worden war, an die Macht kam, wurden alle Bischöfe, die besten Diözesanpriester
und Ordensleute verhaftet: Franziskaner, Salesianer, Dominikaner und auch wir
Jesuiten. Wir alle wurden in Konzentrationslager oder in Gefängnisse gebracht.
Später wurden auch alle Ordensschwestern - mehr als 10 000 – in verschiedene
Arbeitslager verschleppt. Und bald darauf Tausende von Laien, vor allem jene,
die sich besonders im Dienst der Kirche eingesetzt hatten.
In dieser Zeit war ich Theologiestudent. Um Mitternacht
kamen Polizisten und besetzten unseren Konvent. In mein Zimmer kamen drei Polizisten,
denn wir schliefen hier zu dritt. Sie forderten uns auf: „Steht auf und
folgt uns!“ Draußen erwarteten uns Busse, in die wir einsteigen
mussten. Neben jedem Ordensmann saß ein bewaffneter Polizist. So brachten
sie uns ins Unbekannte.
In diesen Momenten hatte ich Angst, nicht so sehr vor
der harten Arbeit, die mich im Lager erwarten würde, denn ich war schwere
Arbeit gewohnt. Doch mein einziges Ideal, der einzige, große Wunsch meines
Lebens, Priester zu werden, schien sich nun nie mehr zu verwirklichen:
Wie oft hatte ich während des Bombenalarms in Lebensgefahr mit dem Herrn
gekämpft: „Lass mich leben, lass mich leben. Erlaube mir, wenigstens
einmal in meinem Leben die Hl. Messe zu lesen. Dann bin ich bereit zu sterben.“
Die gleiche Angst und den gleichen Kampf hatte ich
nun im Bus, der uns ins Unbekannte führte. Vielleicht würde ich niemals
einen Bischof treffen, der mir die Priesterweihe spenden könnte. Von neuem
flehte ich Gott an: „Lass mich leben. Erlaube mir, wenigstens einmal in
meinem Leben die Hl. Messe zu lesen.“ Um mich von dieser Angst zu befreien,
zog ich das Evangelium hervor, das ich als letztes in meine Tasche gesteckt
hatte, bevor ich mein Zimmer verließ. Ich öffnete es und las, um
mich von der Angst zu befreien. Doch was ich las, nahm mir den Atem. Die ersten
Worte, auf die meine Augen fielen, waren: „Musste Christus nicht all das
erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?“ (Lk 24,26)
Als ich dies verstand, kehrten in meine Seele eine
solche innere Ruhe und Licht ein, wie nie zuvor. Dieses Licht hat uns dann auch
im Lager Hoffnung gegeben. So viele Priester konnten ihren priesterlichen Dienst
nicht mehr ausüben und sie haben sich gefragt: „Was ist unsere erste
Aufgabe als Priester ?“ Da meditierten wir das Leben Jesu. Wofür
ist Jesus auf die Erde gekommen? Um zu predigen? Nein, gepredigt haben auch
die Propheten. Um das Reich Gottes zu verkünden? Das konnten auch die Apostel.
Um Wunder zu wirken? Aber Jesus hatte gesagt: „Ihr werdet noch Größere
vollbringen.“ Also, was war der tiefste Grund Seines Kommens auf diese
Erde? Der tiefste Grund Seines Kommens auf diese Erde war unsere Erlösung
durch Sein Opfer am Kreuz. Dies war Seine höchste, priesterliche Mission:
das Leiden und die Agonie am Kreuz. Das verstanden wir zusammen mit den Priestern:
Christus erwartet von uns jetzt nicht, Sein Opfer auf unblutige Weise am Altar
zu feiern, sondern Er will uns mit Sich blutig am Kreuz vereinigen.
In dieser schmerzvollen Zeit im Lager, wandten wir
uns oft an die Gottesmutter: „Du bist auf Kalvaria unter dem Kreuz unsere
Mutter geworden. Du kannst uns jetzt nicht allein lassen.“ Und wir haben
unsere Leiden mit ihr, der Miterlöserin, vereint.
In dieser Situation gaben uns die Worte des hl. Paulus Kraft, die uns den Sinn
des Leidens besser verstehen ließen. Er, der heute sicher die schnellsten
und modernsten Verkehrsmittel wählen würde, um das Evangelium zu allen
Menschen zu bringen, war im Gefängnis zu totaler Passivität verurteilt.
Und doch schreibt er vom Gefängnis aus: „Euch kommt es zugute, dass
ich der Gefangene Christi Jesu bin. ... Deshalb bitte ich euch, nicht wegen
der Leiden zu verzagen, die ich für euch ertrage, denn sie sind euer Ruhm.“
(Eph 3,1.13) Mehr noch, Paulus freut sich sogar über die Leiden, die er
für andere tragen darf, denn er weiß: „Für den Leib Christi,
die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden
Christi noch fehlt!“ (1 Kol 1,24f). Wir haben uns in der gleichen Situation
erlebt, wie der hl. Paulus im Gefängnis, wo Gott ihn das größte
Geheimnis erkennen ließ: die Miterlösung. Wir alle sind berufen,
Miterlöser zu sein. Wir haben als Glieder des mystischen Leibes dieselbe
Sendung wie Haupt, Christus. Wir verstanden auch: Wenn wir unsere Leiden als
miterlösende Leiden annehmen, dann tragen wir dazu bei, dass Maria in ihrer
Berufung als Miterlöserin par excellence erkannt und geehrt wird. Dafür
wollte ich mich mit meinem ganzen Leben einsetzen, wenn mir Gott noch einmal
die Freiheit schenken würde.
Auch unser Heiliger Vater, Johannes Paul II., ist voll
Liebe zu Maria, die unter dem Kreuz unsere Mutter wurde. Allein schon in der
ersten Zeit seines Pontifikates gab er ihr 6 mal den Titel „Miterlöserin“.
Denn dieser Titel drückt so gut die einzigartige Mitarbeit Mariens am Heilsplan
Jesu, ihres Sohnes, aus.
Wie tief hat der Heiliger Vater doch auf seiner Polenreise
am 19. August 2002 im Heiligtum von Kalwaria über die Miterlöserin
gesprochen: „Diejenige, die mit dem Sohn Gottes durch die Bande des Blutes
und der mütterlichen Liebe verbunden war, lebte diese Einheit im Leiden
gerade dort, zu Füßen des Kreuzes. Sie allein wusste, trotz des Schmerzes
ihres Mutterherzens, dass dieses Leiden einen Sinn hat. Sie hatte Vertrauen
– Vertrauen trotz allem- dass sich jetzt die alte Verheißung erfüllen
sollte: „Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen
Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, und du triffst ihn an
der Verse (Gen 3.15). Und ihr Vertrauen findet sich bestätigt, als der
sterbende Sohn am Kreuz zu ihr sagt: Frau!“
Da unter den Theologen der Titel Miterlöserin
viel diskutiert wird, sollten wir alle ein Zeugnis kennen, das der päpstliche
Theologe Georges Cottier in einer Weltvideokonferenz gab. In seinem Vortrag
über die miterlösende Berufung Mariens hat dieser hervorragende Theologe
bekräftigt, wie wichtig es ist, Maria unter dem Titel „Miterlöserin“
zu verehren. Nur wenn wir ihre miterlösende Berufung im richtigen Licht
verstehen, erkennen wir „wie die Kirche anteilmäßig ebenfalls
Miterlöserin ist“ und „wie jeder Getaufte dazu berufen ist,
am Mysterium der Erlösung teilzuhaben.“
Ohne die großen Theologen abzuwerten, muss ich
gestehen: ich kenne niemanden, der die miterlösende Berufung Mariens so
tief beschrieben hat wie Sr. Luzia in ihrem Buch mit dem Titel: „Die Aufrufe
der Botschaft von Fatima“. Neun Mal spricht sie in verschiedenen Zusammenhängen
von Maria als Miterlöserin und erklärt die Einzigartigkeit und Bedeutung
ihrer miterlösenden Berufung. - Dieses Buch ist übrigens von der Glaubenskongregation
approbiert. -
So erklärt uns die beste Kennerin der Botschaften
von Fatima das Geheimnis der Miterlösung:
„Das ganze Erlösungswerk geht von Anfang
an durch das Makellose Herz Mariens. ... Von dem Moment an, als sich Maria mit
ihrem freien Jawort vollständig dem Willen Gottes übergeben hat, nämlich
als sie dem Engel antwortete: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“,
von diesem Moment an wurde sie in gewisser Weise Miterlöserin der ganzen
Menschheit.“ (it.S.105)
Dabei denke ich an die Botschaft vom 5. Oktober 1952 in Amsterdam, in der die
Frau aller Völker sagt: Bei der Verkündigung „war sie durch
die Auserwählung die Miterlöserin ... Beim Heimgang ... des Herrn
Jesus Christus wurde sie erst zur Miterlöserin, ... Jesus sprach ja die
Worte: „Frau, siehe, dein Sohn!“ ... Durch diese Geste bekam Maria
diesen neuen Titel.“
Sr. Luzia erklärt weiter in ihrem Buch: „Im Herzen Mariens begann
Gott das Werk unserer Erlösung, nämlich in dem Moment, als Maria ihr
FIAT sprach. ... In dieser für uns Menschen innigsten Verbundenheit, die
eines Kindes im Schoß seiner Mutter, begann Christus MIT Maria das Erlösungswerk.
... Von Maria empfing Christus Leib und Blut, jenen Leib, der geopfert und jenes
Blut, das vergossen werden sollte für die Rettung der Welt. Deshalb, weil
Maria vollkommen eins mit Christus geworden ist, ist sie die Miterlöserin
der Menschheit: (it. S.128) Mehr als alle – auch mehr als der hl. Paulus
– hat sie an der Erlösung Christi mitgearbeitet.
Und Maria blieb nach dem Tod ihres Sohnes auf dieser
Erde, um die Apostel und damit uns alle die Miterlösung als unsere erste
und wichtigste Aufgabe zu lehren, erklärt Sr. Luzia.
Deshalb ermutigt sie uns, uns voll Vertrauen an unsere Mutter zu wenden: „sie
möge für uns beten; denn ihre Fürbitte wird dem Herrn sehr angenehm
sein, kraft ihrer Sendung als Miterlöserin mit Christus und aufgrund ihrer
erhabenen Heiligkeit.“ (S.268)
Möge die Frau aller Völker, die einst
Maria war, unsere Fürsprecherin sein. Amen
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